AMOKLAUF IM SPIELZEUGLAND
VON DAVID LACHAPELLE
In der "Hall of Farne" präsentiert AMICA jeden Monat die Besten der Besten. Diesmal: David LaChapelle, 32, den neuen Wilden der Fotoszene. Mit knallbunten Farben, mit Humor und einem Hang zum Makabren verschreckt der Amerikaner sensible Gemüter. Er sucht den Schock, die Provokation. Coolen Minimalismus findet er langweilig. "Die Farbe in den Fotos muß den Betrachter ohrfeigen." Exklusiv für AMICA stellte LaChapelle eine Auswahl seiner besten Fotos zusammen. Dazu Grund-Sätze des Künstlers.
Der Wahnsinnige
Er mag keine Supermodels, und guter Geschmack ist ihm verdächtig: Vielleicht ist David LaChapelle gerade deshalb ein Foto-Künstler statt einer von vielen Mode-Knipsern.
Claudia, Linda, Naomi oder die anderen Supermodels sucht man auf seinen Fotos vergebens. Die Primadonnen der Kleiderszene interessieren den amerikanischen Fotografen David LaChapelle nämlich nicht: "Ich arbeite lieber mit unbekannten Mädchen. Die hungern nach Erfolg und bringen deshalb mehr."
Das müssen sie auch. Wer vor der Kamera des Amerikaners bestehen will, hat mehr als nur die schöne Pose zu beherrschen, sollte möglichst sein Ego einmotten und darf auch nicht zimperlich sein. Sich bei Eiseskälte im Sommerfummel auf der Straße eine Erklärung einzufangen, ist noch das kleinste Risiko, das Models beim Shooting mit diesem wilden Knaben eingehen. Im Kittchen zu landen ist ein anderes. Das passierte im vergangenen Sommer auf Capri, wo LaChapelle und sein Team vorübergehend verhaftet wurden. Die Polizei war davon überzeugt, dass er in aller Öffentlichkeit einen Pornofilm drehte. Dabei mimte das männliche Model nur einen schiffbrüchigen Matrosen, der - im Rettungsboot auf See treibendeine lebensgroße Gummipuppe umarmte. Shocking.
Scharfe Szenen sind die Spezialität des 32Jähtigen Amerikaners, der durch einen so eigenständigen, starken Stil auffällt, dass ihn die New York Times zum Trendleader einer neuen Modefotografen-Generation kürte. Die orientiert sich mehr an den schrägen Zukunftsvisionen eines Ridley Scott, des Regisseurs von 'Blade Runner', als an der perfekt gestylten FotoKunst eines Richard Avedon.
David LaChapelle schafft keinen elitären und distanzierten Hochglanz-Zauber. Er kreiert energiegeladene Kurzgeschichten, in denen Erotik die Hauptrolle spielt, gewürzt mit reichlich Humor, der meistens von der schwarzen Sorte ist und liebend gern ins Peinliche abrutscht. Dazu kräftige Prisen von Surrealismus und Cyberspace, das Ganze in aufwendigen Dekors inszeniert - und schon erhalten seine Bildromane eine Ausdruckskraft, die fasziniert und auch schockiert. Bilder, die den Betrachter zur Stellungnahme zwingen. Die Arbeiten des Amerikaners werden geliebt oder gehasst, aber niemals lauwarm gemocht.
Malcolm McLaren, Ex-Ehemann der englischen Mode- Exzentrikerin Vivienne Westwood, ist absoluter La Chapelle-Fan:"Welch ein Talent. Fotos wie verrückte Stummfilme. Großartig."
Auch Walter van Beirendonck, Mode-Anarchist aus Antwerpen, liebt diesen amerikanischen Wahnsinnigen: weil es ihm - wie Beirendonck selbst - gelingt, Mode mit Phantasie und Humor in ein Amüsierstruck zu verwandeln, statt mit coolem Minimalismus und düsterer Tristesse zu langweilen. Was immer noch die gängige Masche vieler Jungfotografen ist.
Mit Tristesse hat David LaChapelle wahrhaftig nichts im Sinn: "Mode ist für mich Entertainment", sagt er. So unterhaltend wie ein "Kindergeburtstag, auf dem alles schiefgeht" . Er provoziert das Chaos: Stellt seine Models in verwegene Sets und verfremdet die Fotos am Computer je nach Lust und Laune. Hauptsache, es kommt etwas Neues dabei raus. Spöttisch sieht er auch auf alle Kreativen, die in Fotobänden nachschlagen, um erst die 50er Jahre, später die 60er und dann auch noch die 70er aufzuwärmen. Unehrlich findet er das, mickrig. Ein Zeichen von Angst und Einfallslosigkeit. Lieber macht er selber Bücher. Im Herbst erscheint in den USA sein erster-Fotoband "Playiand - Artists and Prostitutes".
Sorgfältig vermeidet der Individualist, auf irgendwelchen Modewellen mitzureiten. Bis jetzt hat er es geschafft, seinen Weg kompromisslos zu gehen. Auch wenn es ihn viel Geld kostet. Selbst hochdotierte Werbejobs lehnt er ab, wenn die Auftraggeber ihm zu sehr in die Arbeit hineinreden wollen, "Ich habe noch nie ein Foto nur wegen der guten Bezahlung gemacht", beteuert er. Wahrscheinlich wahr wenn man den tiefen Seufzer seiner Agentin Eugenia Melian richtig deutet. Der Kontostand ist für diesen Fotostar offensichtlich nicht der Motor seiner Berufsleidenschaft. Hier arbeitet ein Künstler, der in der Fotografie sein persönliches Ausdrucksmittel gefunden hat.
Dass David LaChapelle Künstler werden wollte, war ihm bereits als Kind klar. Zunächst tendierte er zur Malerei. Auf der High School geriet er dann in die Fotoklasse und verfiel schnell der Kamera. Seine Vorbilder hießen damals Helmut Newton und Guy Bourdin, deren Einfluss bis heute nicht ganz verblasste. Allerdings war dem Jungen ans Westport, Connecticut, früh klargeworden, dass die Provinz seiner Phantasie nur wenig Spielraum ließ. Mit 15 Jahren riss er von zu Hause aus, ging nach New York und hielt sich dort im legendären "Studio 54" für einige Monate über Wasser. Danach war für LaChapelle endgültig klar, dass nur New York groß genug für ihn sein konnte.
Mit dem High-School-Abschluß in der Tasche fiel er wieder in Manhattan ein, Seine Fotomappe beeindruckte jedoch weder Art Directoren noch Moderedakteurinnen. Nur Andy Varhol zeigte sich angetan: "Great." Aber Warhol, meint der so wenig eitle LaChapelle, fand ja sehr vieles "great". Jedenfalls durfte der aufstrebende Künstler für Warhols Zeitschrift Interview fotografieren - damals die einzig wahre Eintrittskarte in die New Yorker Szene. Er fiel zum ersten Mal bei den Insidern auf. Das Magazin Details kam auf ihn zu, und bald beehrten ihn auch die großen GlamourBlätter. A star was born.
LaChapelle müsste eigentlich irgendwann den Film entdecken - bei so ausgeprägter szenischer Gestaltungskraft. Und so mancher Szenekenner hat der Fotografie ja auch schon einen Abwärtstrend bescheinigt. Sollte er nicht die Sparte wechseln? David LaChapelle sieht keinen Grund dazu: "Okay, die Zukunft gehört den elektronischen Medien. Aber ich wette, die Menschen wollen weiterhin lesen. Für Fotografen sind Magazine die schönsten Galerien."