Berliner Zeitung
December 2006
Mein Name bedeutet Kirche
Der Fotograf David LaChapelle erzählt über himmlische Realitäten und die Nichtigkeit von Besitz
Daniela Zinser
Der amerikanische Hochglanzfotograf David LaChapelle, 43, arrangiert Stars wie Madonna, Angelina Jolie oder Leonardo Di Caprio in aufwändig inszenierten, überkünstlichen und oft bizarren Kontexten. Mit seinen bonbonbunten Arbeiten wurde der Andy-Warhol-Schüler zum Liebling der Modemagazine. Unter dem Titel "Men, War & Peace" zeigt die Helmut Newton Foundation eine Auswahl seiner Fotografien.
Herr LaChapelle, die Ausstellung zeigt Ihre Werke neben denen des Kriegsfotografen James Nachtwey. Auf den ersten Blick haben Sie beide nichts gemeinsam.
Die Kombination funktioniert über den Kontrast. Nachtwey fotografiert eine Realität, die er vorfindet, und ich fotografiere eine Realität, die ich selbst kreiere. Anders gesagt: Ich zeige eine Art Fluchtmöglichkeit vor den Dingen, die er festhält.
Kritiker werfen Ihnen vor, mit dieser kreierten Realität nur Oberflächen abzubilden. Andere sehen eine drastische Sozialkritik in Ihren Bildern - was beabsichtigen Sie?
Ich überlasse das ganz dem Betrachter. Ich weiß, dass ich viel Subversives und Unterschwelliges im Kopf habe und nicht nur das Ziel, dass die Bilder gut aussehen - Erinnerungen an den Drogentod eines Freundes zum Beispiel oder aktuelle Ereignisse wie Zerstörungen durch Hurricans. Die Fotos müssen aber auch an der Oberfläche funktionieren. Wenn du also nur die Oberfläche siehst, gut. Aber wenn du dich auf die Bilder einlässt, liegen in der Tiefe viele Geschichten.
Ist die Provokation das Ziel Ihrer Arbeit oder nur ein Nebeneffekt?
Meine Arbeiten sollen dazu anregen, nachzudenken, sich zu begeistert oder zu träumen. In diesem Sinne ist es mein Ziel, den Betrachter zu provozieren.
Vielen Ihrer Fotografien zeigen religiöse Themen, wie etwa eine Pieta mit Courtney Love als Maria. Woher kommt die Faszination für das Religiöse?
Mein Name, LaChapelle, bedeutet Kirche. Ich komme aus einer katholischen Familie, mein Onkel ist Priester. Ich finde, Jesus hatte eine tolle Botschaft: Liebe. Aber Religion ist nur eine der Obsessionen unseres täglichen Lebens, die mich beschäftigt, ebenso wie Essen, Konsum und Sexualität.
Sind die Stars die heutigen Heiligen?
Es gibt definitiv eine Verbindung zwischen religiösem Eifer und der Hingabe zum Beispiel Sportlern gegenüber. Fußball ist eine Religion in Europa. David Beckham wird wie ein Gott angebetet. Eine meiner Fotografien zeigt ihn mit ausgebreiteten Armen vor einer Flagge mit dem roten St-Georgs-Kreuz. Es scheint, als sei er an dieses Kreuz genagelt, das zugleich das Symbol des englischen Fußballteams ist.
Wie lassen Sie sich inspirieren?
Ich inszeniere meine Fotografien aus dem, was gerade in mir ist, wovon ich in diesem Moment besessen bin. Derzeit ist das der Gedanke an das Ende der Welt - ausgelöst von all den Umweltkatastrophen, die in letzter Zeit über uns hereingebrochen sind. Alle meine Bilder haben etwas mit der Idee zu tun, dass eine große Veränderung in der Luft liegt und wie die Menschen darauf reagieren. Dem spüre ich nach.
Sie werden häufig mit dem Satz zitiert: "Wer Realität will, soll den Bus nehmen".
Ach, das habe ich vor zehn Jahren mal gesagt. Was ich damit meinte war: Ich habe eine andere Art von Realität. Wenn du eine hässliche und brutale Wirklichkeit sehen willst, dann darfst du dir meine Bilder nicht anschauen. Düsteres und Brutales wirst du darin nicht finden. Denn wenn ich die Wahl habe, Himmel oder Hölle zu kreieren in meinem Bildern, dann entwerfe ich den Himmel darin. Als Künstler kann ich schließlich tun was ich möchte, und ich möchte etwas entstehen lassen, dass Schönheit in sich hat.
Die Fotografien zeigen Ihr Ideal von Schönheit?
Ich versuche nur, schöne Dinge an Orten zu finden, an denen man es nicht erwartet. Es geht dabei nicht um Idealbilder.
Ihre Arbeiten sind grellbunt, voller Kitsch und Opulenz. Beim Betrachten fragt man sich, wie es bei Ihnen zu Hause wohl aussieht ...
... sehr schlicht. Materielles bedeutet mir nicht viel. Mir ist mein Garten sehr wichtig und draußen zu sein in der Natur. Klar, ich habe all diese Sachen und bekomme ständig von allen Seiten noch mehr geschenkt. Vielleicht ist es mir deshalb nicht so wichtig, weil ich weit mehr habe, als ich brauche.
In der Pressemitteilung stand, dass Sie ein Broadway-Musical planen.
Häh? Oh nein, nein, nein. (Singt minutenlang aus voller Brust: "There's no people like show-people".)
Das Gespräch führte Daniela Zinser.