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Frankfurter Allgemeine


David LaChapelle
December 10, 2006

FRANKFURTER ALLGEMEINE: DAVID LACHAPELLE
DECEMBER 10, 2006

Hauptsache, es sieht gut aus

Von Sascha Lehnartz

11. Dezember 2006 Der Popstarfotograf David LaChapelle ist inzwischen selbst ein Popstar. Er hat den Pop ernst genommen, der Pop hat ihn groß gemacht. Er hat die Ikonen der Popkultur in grelles Licht gesetzt und dabei zugleich die Nachtseiten dieser Bewußtseinsindustrie gnadenlos ausgeleuchtet. LaChapelles Bilder sind depressive Schübe in Bonbonpapier. Der Betrachter sieht einen Albtraum und denkt sich: „Sieht geil aus, so einen will ich auch."

Britney Spears als Hot-Dog-Verkäuferin, Courtney Love als Marienfigur, Lil' Kim als Gummipuppe oder seine bevorzugte Muse Pamela Anderson, die aus einem Ei schlüpft - LaChapelles digital aufgehübschte Bilder wirken wie eine ironische Kritik am Pop-Kapitalismus und sind doch immer nur eine krasse Form der Affirmation. Er unterwandert nichts, er tut nur so. „Artists and Prostitutes" heißt einer seiner Bildbände. Kaum jemand torkelt auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Prostitution so elegant daher wie LaChapelle, zu dessen Portfolio auch ein bemerkenswert platter Kino-Werbespot für H&M gehört. In LaChapelles Welt ist Porno der bucklige Verwandte aller großen Kunst. Den „Fellini der Fotografie" hat die „New York Times" diesen Mann genannt.
Madonna ist manchmal ein „bißchen schwierig"

Seine Fotos erscheinen in schöner Regelmäßigkeit auf den Titelseiten großer Magazine. Wen LaChapelle nicht fotografiert hat, der kommt im Kanon des Pop im frühen 21. Jahrhundert nicht vor. Er kann es sich leisten, keine Lust zu haben, ein Video mit Madonna zu drehen, weil er findet, die sei manchmal „ein bißchen schwierig". LaChapelle bittet zum Interview in die Berliner Filiale einer Herzogenauracher Turnschuhfirma, die mit ihm „kooperiert". Die Kooperation sieht so aus, daß LaChapelle vor dem Logo der Firma zum Interview Platz nimmt und ein Paar Schuhe aus der aktuellen Kollektion trägt. So ähnlich sieht es aus, wenn die Sportschau nach einem Bundesliga-Spiel den Trainer interviewt. Die Friedhelm-Verfunkelung der Kunst. Im Gegenzug hängen im Hinterzimmer des Schuhgeschäfts jetzt vier Wochen lang LaChapelle-Bilder.
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LaChapelle trägt eine Schiebermütze und hat ein Buch dabei: Perry Andersons „The Origins of Postmodernity". Es ist zerlesen, fast jede Seite mehrfarbig unterstrichen. „Das ist das Problem an Büchern über die Postmoderne", sagt LaChapelle, „man unterstreicht alles, aber man kapiert es trotzdem nicht."Sein neuester Bildband heißt „Heaven to Hell". Auf einer ganzen Reihe von Bildern spielt LaChapelle mit biblischer Symbolik. Ob er religiös ist? Er weicht der Frage aus. „Die Kirche steht bei mir ja schon im Namen", sagt er und ja, Jesus sei ein Popstar, deswegen zeige er ihn auch so. Allerdings mache er sich keinesfalls über ihn lustig. „Ich mache mich nie lustig über die Leute in meinen Bildern, ich respektiere sie."
„Sorg dafür, daß es gut aussieht"

LaChapelle ist in North Carolina aufgewachsen; als er zwölf Jahre alt war, zog die Familie nach Connecticut. Daß er Künstler werden wollte, wußte er „von Anfang an". „Schon mit elf dachte ich im Mathe-Unterricht nur noch: Was soll der ganze Mist eigentlich?" Seine künstlerische Ader wurde durch seine Mutter geweckt. „Die ist selbst eine Künstlerseele, sie hatte bloß nie die Gelegenheit, ihr Talent zu verwirklichen", sagt LaChapelle über seine Mutter Helga, die aus Litauen stammt. „Die hat immer künstlerische Dinge getan, und sei es nur, daß sie zu Weihnachten Rentierspuren durch das ganze Haus gelegt hat." Durch sie kam er zur Fotografie. „Wir sind oft am Wochenende in bessere Wohngegenden gefahren, in denen wir es uns nicht leisten konnten zu wohnen. Meine Mutter putzte mich dann heraus und fotografierte uns vor einem Auto oder einem Haus. Und dann grinsten wir, als lebten wir wirklich da."

Eine der frühesten mütterlichen Foto-Inszenierungen zeigt David LaChapelle mit Engelsflügeln auf dem Rücken. Er wurde ein einzelgängerischer Teenager, künstlerisch, sensibel und schwul. Zu den tristen Erinnerungen seiner Schulzeit in Connecticut gehört der Tag, als ihn die Wortführer seiner Klasse mit Milchtüten bewarfen. Pubertäre Suizidgedanken überwand er jedoch, rasierte sich einen Irokesenschnitt und zog nach New York. In der damals coolsten Disco der Stadt, dem Studio 54, wischte er die Tische ab. Auf einem Konzert der Band „Psychedelic Furs" sprach er eines Tages Andy Warhol an. „Ich sagte ihm, daß ich Fotos mache. Er sah mich an und sagte: ,Du solltest besser Model werden.' Aber dann hat er mich eingeladen, ihm meine Sachen zu zeigen." Warhol gefiel, was er sah. Wenig später hatte LaChapelle seine erste Ausstellung in einer kleinen Galerie. Warhol bot ihm an, für sein Magazin „Interview" zu arbeiten. „Andy hat gesagt: ,Mach, was du willst, aber sorg dafür, daß es gut aussieht.'" Diesem Rat ist LaChapelle bis heute gefolgt.
Bewunderung für Leni Riefenstahls Arbeit

Vor drei Jahren wagte er sich dann auf neues Terrain. Während der Dreharbeiten zu einem Video von Christina Aguilera fielen ihm einige Statisten auf, die hinter der Bühne den „Stripper Dance" tanzten, einen extrem athletischen HipHop-Tanz. Im Getto von South Central suchte LaChapelle nach den Ursprüngen des Tanzes und entdeckte Tommy The Clown, den Erfinder des Clowning. Dann stieß er auf die Krumper, Anhänger einer härteren Tanzart, die aus dem Clowning hervorgegangen war. So entstand der Film „Rize", der zugleich Tanzfilm und Dokumentation des Lebens in den Armenvierteln von L.A. ist. Es sei nicht schwierig gewesen, dort Zugang zu bekommen, sagt LaChapelle.

„Das sind Künstler. Die wollen wahrgenommen werden, deswegen sind sie für die Kamera dankbar." Anfangs hätten sie nicht einmal gewußt, daß sie es mit einem berühmten Fotografen zu tun hatten. „Aber dann hat einer der Jungs mich mit Pam Anderson auf MTV gesehen, da ging's natürlich los: ,Hey, Dave, du warst im Fernsehen' und so." „Rize" hält LaChapelle bis heute für seine größte Leistung: „Ich habe so viel Elend unter den Reichen und Privilegierten gesehen, mit denen ich sonst arbeite. Hier waren es Leute, die nichts hatten, aber im Prinzip viel glücklicher waren als die Reichen." LaChapelle hat die Tanzszenen aus dem Getto mit Szenen zusammengeschnitten, die er aus Leni Riefenstahls Nuba-Filmen entnahm. Ohne zu zögern gesteht er seine Bewunderung für die Filmemacherin. „Ich weiß, sie ist umstritten, weil sie für Hitler gefilmt hat. Ich erlaube mir darüber kein Urteil, aber ich weiß eines: Die Nuba, die sie gefilmt hatte, waren definitiv keine Nazis. Und sie war eine echte Künstlerin. Sie hat jahrelang bei diesen Stämmen gelebt, die haben vollkommen vergessen, daß eine Kamera dabei war. Heute fahren die Leute da mit einem Riesenteam hin, filmen zwei Wochen, und fertig ist die Dokumentation."
„Es ist immerhin Puma und nicht McDonald's "

Das Recht des Künstlers, in seinem politischen Urteil danebenzuliegen, wenn es denn der Kunst dient, verteidigt LaChapelle vehement. Er fragt: „Können Sie sicher sein, wenn Sie heute neben einem Präsidenten fotografiert werden, daß der sich in zehn Jahren nicht als Massenmörder entpuppt?" Er hat sich in Schwung geredet, die Frage nach Leni Riefenstahl hat ihm gefallen. Eigentlich mag er keine Interviews: „Gestern hat mich eine Journalistin doch tatsächlich mit Damien Hirst verwechselt und gefragt, wieso ich diese Kuh zersägt habe.

Ich dachte erst, das sei ein Witz, war es aber nicht. Danach fragte sie dann, ob das, was ich mache, Pornographie sei. Da hab' ich dann geantwortet: ,Klar, das ist alles Pornographie.'" David LaChapelle ist im Laufe der Jahre müde geworden, die immer gleichen Fragen zu beantworten. Ob er Porno mache. Ob das überhaupt Kunst sei. Warum er so kommerziell sei. Die letzte Frage liegt nahe, wenn man einem Künstler vor dem Logo einer Turnschuhfirma gegenübersitzt. LaChapelle beantwortet sie prophylaktisch, bevor man sie gestellt hat. Ob man sich von einer Firma sponsern lasse oder ein Regierungsstipendium annehme, sei das gleiche, meint er. Diese Firma sei cool und unterstütze die Kunst. „Es ist immerhin Puma und nicht McDonald's."
LaChapelle ekelt sich vor ei genem Erfolg

Kleine Unterschiede gibt es für David LaChapelle selbst in der Postmoderne noch. Doch er ist es leid, sich regelmäßig für den eigenen Marktwert entschuldigen zu müssen. Ganz auszuschließen ist nicht, daß sich David LaChapelle inzwischen vor dem eigenen Erfolg ekelt. Jedenfalls will er so nicht weitermachen: „Ich nehme mir jetzt ein Sabbatical. Ich bin einfach müde. Und wenn ich irgendwann etwas Neues mache, dann wird es nichts mehr mit Popkultur zu tun haben. Dazu habe ich einfach alles gesagt, was ich zu sagen hatte."

Und er hat mit der Popkultur so viel Geld verdient, daß er sich ein Anwesen auf Hawaii zulegen konnte. „Das war in den sechziger und siebziger Jahren mal eine Nudistenkolonie", erzählt er. Surfen kann David LaChapelle allerdings nicht. „Ich hab' es ein paarmal probiert, aber das ging ziemlich schief. Ich guck' lieber denen, die es können, vom Strand aus zu." Seine Mutter kommt herein. „Wir haben gerade von dir geredet, Mom", sagt David LaChapelle, „von den Engelsflügeln." „Ja", sagt seine Mutter, „früher hatte er Flügel auf dem Rücken, heute hat er Hörner auf dem Kopf."

Durchbruch dank Warhol

David LaChapelle ist zirka 43 Jahre alt. Seit einigen Jahren gibt er sein Alter mit 37 an, aber es spricht einiges dafür, daß er 1963 geboren wurde. Er wuchs in North Carolina und in Connecticut auf. Noch bevor e


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