IMMER AUF DER FLUCHT
DAVID LACHAPELLE, provokantester fotograf der gegenwart, über selne kindheit, seine kunst und seine neue heimat: ein nudistencamp auf hawaii.
David LaChapelle entschuldigt sich. Er müsse schnell noch einen Anruf erledigen. Unruhig stapft der Starfotograf durch das Museum für Fotografie in Berlin, während sein Assistent Patrick für ïhn hektisch die Nummer ins Handy tippt. Um uns herum hängen die Bilder der LaChapelle- Ausstellung"Men, War and Peace": Drew Barrymores nackte Brust blitzt zwischen Grapefruitälften hervor. Courtney Love hält einen Jesus im Arm, der aussieht wie ihr verstorbener Gatte Kurt Cobain. Auf dem Boden leere Gläser und Teller mit Obstresten, Teebeuteln und zerknüllten Servietten.
Mitten im Chaos nimmt der exzentrische Künstler endlich Platz und reibt sich zitternd die Hände „Mir ist ein bisschen kalt", moniert er weinerlish, und sofort reicht ihm jermand aus der Entourage cine Puma-Jacke. Seine Mannschaft hat der 43- Jährige voll im Griff. Und sein Auftreten wirkt so perfekt inszeniert wie jedes seiner Fotos.
Ihre Muse, die transsexuelle Amanda, hockt draußen auf dem Flur. Wieso ?
Sie wird bestraft ! Sie darf auch nichts essen, falls Sie das interessiert. Sie können Sie gerne dazu befragen, vielleicht springt ja noch etwas für Ihre Gesundheitsseiten dabei heraus (lacht).
Im Erast, warum ist sie Ihre Muse ?
Zuerst war ich nur von ihr fasziniert, weil nichts an ihr echt ist. Inzwischen ist ise meine Freundin geworden. Geboren als Junge, hat sie ihr ganzes Leben dafür gekämpft, sie selbst zu sein und unzählige Operationen über sich ergehen lassen. Als mein bester Freund starb, mein kleiner Bruder Luis, war sie die Einzige, die wusste, was sie sagen sollte und die es mit mir ausgehalten hat. Sie war für mich da.
Ihre Bilder werden zusammen mit den dramatischen Werken von Kriegsfotograf James Nachtwey ausgestellt. Wie kam es dazu ?
Die Entscheidung hat die Helmut Newton Stiftung getroffen : Nachtwey konfrontiert uns mit einer Realität, die er so dokumentiert , wie sie ist. Ich dagegen zeige Realität, die ich vorher enfinde.Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, meine eigene Realität zu kreieren.
Als eine Art Flucht ?
Kunst war und ist mein Weg in eine bessere Welt. Als Kind entdeckte ich zuerst das Malen, später die Fotografie. Beides war schon immer mein Rückzug vor de Dunkelheit in der Welt.
War ihre Kindheit derart zum Davonlaufen ?
Meine Eltern waren wundervoll. Aber in der Schule war ich von Anfang an ein Außenseiter. Es war ein einziger Horror, Deshalb brauchte ich meine Fantasie, um vor drer Gegenwart zu fliehen. Ich entdeckte die Kunst von Andy Warhol, die Fotos von Helmut Newton und Richard Avedon, die Filme von Federico Fellini.
Was macht Ihre Fotos so exzentrisch ?
Ich mag Farben, und ich mag nackte Menschen : Wenn sich jemand für mich ausziecht, ist das nicht notwendigerweise sexuell. Es ist befreiend. Angezogen kann man sofort auf den Status einer Gedanken der Eirleuchtung und die Vorstellung vom Leben als ein Besserungsprozess. Leben heißt lernen, und du kannst dich steigern.
Einige Menschen in Hollywood scheinen zwanghaft religiös zu sein. Können Sie das erklären ?
Warum sollte ich erklären können, warum Madonna sich mit Kabbala beschäftigt oder Tom und Katie ins Scientology-Center rennen? Das Leben ist eine Suche nach Antworten. Manchen genügt der nächste Kaufreausch. Andere sind abgelenkt, weil sie die ganze Zeit beschäftig sind, sodass sie gar nicht zum Grübeln kommen. Wer die Zeit hat und es sich leisten kann, der sucht nach etwas, das ihm hilft, die Welt zu verstehen. Das ist in Hollywood nicht anders als überall sonst auf der Welt. Veilleicht etwas extremer.
Haben Sie unter ihren Werken ein Lieblingsbild ?
Courtney Love als Pietà.
Kommt Sie zur Vernissage ?
Berlin ist nicht groß genug für Courtney. Für sie und mich – und Amanda.
Sie haben eliche Angebote für Hollywoodfilme.
Wenn ich nach dem Dokumentarfilm „Rize" noch einen Film machen würde, wäre es garantirt kein Hollywwodfilm.
Sie haben immerhin selbst lange dort gelebt.
Ich bin inzwischen umgezogen und lebe seit August auf Hawaii. Jetzt habe ich nur noch mein Studio in Los Angeles. Ich will einfach nicht mehr in Städten leben. Ich finde es großartig auf Hawaii. Ich bin völlig von der Außenwelt abgeschnitten, lebe mitten im Dschungel, in einem Huas mit 20 Hektar Land.
Warum haben Sie Hollywood den Rücken gekehrt ?
Es war Zeit für eine Veränderung. Ich habe diese Fleckchen auf Hawaii gefunden, in einer Nudisten-Gemeinschaft. Es geht da überhaupt nicht um Sex. Dort leben viele Familien, Pärchen, darunter viele Deutsche, die gem nackt sind. Bis auf Solarenergie gibt es keine Elektrizität. Es ist einsam, ländlich und herausfordernd, ich liebe es.
Sie können auf Telelon und Computer verzichten?
Nicht ganz, so kommuniziert man doch heutzutage. Ich teile mir mit meinen Freunden dort ein kleines Büro. Aber in meiner Hütte klingelt nichts. Da wäre es ganz still,wenn nicht die Natur um mich herum so einen Lärm machen würde. Käfer und Vögel können irre laute Geräusche machen.
Haben sie nichts gegen Spinnen und Käfer ?
Es gibt nur eine gefährliche Käferart auf Hawaii. Die sehen aus wie kleine Teufel. So einer hockte eines Nachts auf meinem Kissen. Ich war starr vor Entsetzen. Er war reisengroß (zeigt mindestens 20 Zentimeter), fett mit langen roten Beinen und Riesenzähnen. So einer hat mal einen Freund von mir gebissen. Aber ich bin ja zum Glück noch rechtzeitig aufgewacht.