SIEGESSÄULE: GOTT IST TOT
GOTT IST TOT
David LaChapelle entwickelt seinen Hang zum Exzess in "Heaven to Hell" weiter und entdeckt sein Gewissen. Das Ergebnis ist ein Meilenstein der Fotokunst Die Römer hatten eine Unmenge Götter. Die Hauptstadt ihres Weltreichs war mit Statuen, Tempeln und Anbetungseinrichtungen völlig zugestellt. Dabei waren die Bewohner nicht mal sicher, dass es die Angebeteten wirklich gab. Es war ein bisschen so, als beweise sich das Volk die Existenz der Götter durch ihre permanente Sichtbarkeit. Heute haben Mode und Werbung eine ähnliche Funktion übernommen. Niemand sieht wirklich aus wie die Wesen in Zeitschriften oder im Fernsehen, aber trotzdem wollen es alle und geben alles, um sich entsprechend zu formen. Pop-Art als Lebenskonzept, der geschundene Körper als Kunstwerk. Muss das so sein, auch wenn es weh tut? Nein, nein, man kann das alles auch künstlerisch in Frage stellen.
Genau das tut der Fotograf David LaChapelle in „Heaven to Hell". Der Band bildet den letzten Teil einer Trilogie. Mit den ersten beiden Teilen, „LaChapelle Land" (1996) und „Hotel LaChapelle" (1999), hat der Warhol-Schüler Meisterwerke hervorgebracht. Sie waren vor allem Belege für die reine Freude, die der Künstler bei der Ikonisierung der berühmten und berüchtigten Gesichter der Welt hatte. Im dritten Band mit Arbeiten aus den letzten sechs Jahren kombiniert LaChapelle ikonenhafte Darstllungsweise mit der Angst vor der Apokalypse und erreicht so Tiefe. Früher brach er ironisch mit Sehgewohnheiten und zeigte einen fundamentalen Hang zum Exzess, kombiniert mit raffaeIitischer Genauigkeit.
Nun schaut er offenbar auch mit dem Gewissen hin. Weniger perfekt oder humorlos sind die Bilder deswegen nicht. Vielmehr gibt der Künstler trotz all ihrer überbordenden Schönheit einen sozialen Kommentar ab: Die opulenten Inszenierungen zeigen, wie heftig die Realität ist und wie wenig alte Bilder noch taugen, um sie zu beschreiben. Da drapiert LaChapelle die Vegetarierin Pamela Anderson theatralisch in verspielten Pornoposen mit einer als Schwein verkleideten dicken Frau, stellt Haute-Couture-Models vor die Überreste von Häusern in Hurrican-Gebieten und platziert schließlich Jesus inmitten moderner Großstadtklischees auf der Brooklyn Bridge. Am Ende weiß man: Gott ist tot und die Götzen sind schon krank.